Prinzessinnenbad
 

Regie: Bettina Blümner
Mitwirkende:
Klara Reinacher, Tanutscha Glowasz, Mina Bowling, George-Daniel Thelitz , Sascha Reinacher, Ursula Glowasz, Renate Bowling u.a.
Drehbuch: Bettina Blümner
Produzent: Katja Siegel
Musik: diverse
Länge: 92 min.
Freigabe: -
Genre:
Dokumentation
Produktion: Deutschland - 2007
Kinostart: AT: 23.11.07
Verleih: polyfilm
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Wie schlimm es denn um unsere Jugend (und hier unterscheidet sich die österreichische von der deutschen nur wenig) bestellt ist, das dürfte mittlerweile kaum einem Bürger mehr unbekannt sein. Zu massiv ist die Meinungs-Welle, vermittelt von so genannten Experten, die vor Jugendkriminalität aufschreien und reißerischen Artikeln über Killerspiele, Alkoholexzesse und Drogenmissbrauch. Wenn dem wirklich so wäre, wie es uns die Experten oft vormachen wollen, dann sähe es heute in der Welt wohl schon ziemlich düster aus.

Mitten unter diese vielen Negativbilder mischt sich Newcomer-Regisseurin Bettina Blümner mit ihrem Langfilmdebüt "Prinzessinnenbad", einer Dokumentation über das Leben dreier Protagonistinnen aus Berlin-Kreuzberg, einer mit vielen Vorurteilen behafteten Gegend. Klara, Mina und Tanutscha heißen die drei toughen, 15-jährigen Jugendlichen an der Grenze zwischen Kindheit und Erwachsenwerden.

Klara steht auf Türken, zieht sie deutschen Männern vor, ist aber durch ein Erlebnis abgehärtet worden: Einige Burschen brachten sie dazu, ihrer Oma 2000 Euro zu stehlen. Ihren Fehler büßt sie nun in Form von Sozialstunden ab, hat aber aus ihren Fehlern gelernt: "Ich bin jetzt einmal auf die Fresse gefallen [...] vielleicht flieg' ich auch noch öfter auf die Fresse, aber ich bin nicht mehr so naiv zu Jungs." Mina ist zu Beginn des Filmes bereits 10 Monate mit George zusammen, ihre Beziehung steht allerdings vor einer harten Prüfung, als dieser für ein Jahr verreisen möchte. Tanutscha erfuhr mit 11 Jahren eine traumatische Begegnung in einem Bus. Alleine mit einem fremden Mann im oberen Stock musste sie zusehen, wie dieser zu masturbieren begann, geschockt und schreiend rannte sie an der nächsten Haltestelle aus dem Bus. Eine gewisse Unsicherheit Männern gegenüber ist geblieben, die sich in harten, konternden Sätzen am Telefon wie "[Du bist] Deutscher oder so ein dreckiger Türke, der sich weder unter den Armen oder am Schwanz rasiert, der stinkt, der einmal in der Woche zum Duschen geht und in' Puff fährt um ne Olle zu bumsen [...]" äußert.

Alle drei kommen sie aus zerrütteten Familienverhältnissen mit nur wenigen Regeln, die Vorgaben von Klaras Mutter beschränken sich auf "Kein Heroin und nicht schwanger werden." Trotz vieler Rückschläge, einigem "Auf die Fresse fallen" und manchen Verwicklungen in den Aussagen bekommt man als Zuseher unweigerlich das Gefühl, es mit drei seit ihrer Kindheit dicken Freundinnen zu tun zu haben, die mit allen sechs Füßen im Leben stehen und genau wissen, was sie wollen und was nicht. Bettina Blümner begleitete die drei Mädels über die Dauer von einem Jahr in den verschiedensten Situationen und Lebenslagen, vom hitzigen Gespräch Tanutschas mit der Mutter, als sie mehr Freiheit fordert, gemeinsamem Ausgehen, bei den Sozialstunden, mit den Elternteilen, ernsten Gesprächen über die Zukunft bis hin zu den gemeinsamen Nachmittagen im  - den Hauptfiguren angepasst umbenannten - Prinzenbad. Themen wie Sexualität, Drogen, Parties, Jungs, aber auch Verantwortung, Schranken, Negativerlebnisse, Traumata und Zukunftsgedanken werden, eingebettet in deutschen HipHop und türkische Populärklänge, in den dynamischen Filmbildern  angesprochen - eben alles, was im Leben von Bedeutung ist.

Jahre an Vorarbeit flossen in das Projekt, Jahre, in denen sich die Regisseurin mit den Mädchen bekannt und vertraut machte. Genau diese freundschaftliche Beziehung macht sich im Film bemerkbar: "Prinzessinnenbad" reiht sich nicht in die lange Reihe von Milieustudien und kritischen Berichten ein, sondern operiert auf einer sehr persönlichen Ebene. Er erzählt nur mit seinem ausgefeilten Schnitt und verzichtet vollends auf eine externe Erzählinstanz, lässt nur die Protagonistinnen und ihr Agieren für sich sprechen. Dabei bleibt "Prinzessinnenbad" stets ehrlich, versucht die Freundinnen nicht zu provozieren oder aus der Reserve zu locken, lässt sie frei und ohne Zwänge von sich heraus sprechen - was erstaunlich viel ist. Auf diese Weise entstand ein ungeschönter, intimer, sehr persönlicher und faszinierender sowie so manche Vorurteile relativierender Einblick in das Leben von drei jungen Frauen, die mitten im Leben stehen, fest zusammenhalten, sich nicht unterkriegen lassen und über ihr Leben und die jüngere Generation ("Die haben gar keine Kindheit mehr") reflektieren.

Drei Monate sind am Ende vergangen seit George abgereist ist und seine verfrühte Heimkehr aus Sehnsucht steht bevor. Die drei Freundinnen sitzen auf der Parkbank, schlürfen Kaffee, ziehen an ihren Zigaretten und sprechen über ihre Zukunftspläne. Klara will in der liebevoll "Schwänzerschule" getauften Einrichtung ihren Abschluss machen und danach verreisen, auch Tanutscha will besser in der Schule werden und Mina plant die nächsten paar Monate, in denen George bei ihr wohnen wird. Drei junge Frauen, die ihre Zukunftspläne schmieden und denen man als Zuseher am Ende voller Empathie und vielleicht auch einem veränderten Blick auf "die Jugend von heute" aus ganzem Herzen das Gelingen dieser Pläne wünscht.


Gesamtwertung: 

Dieser zurückhaltenden, persönlichen, einfühlsam umgesetzten
und höchst ausgewogenen Dokumentation über das oft nicht
einfache Leben der drei dicken Freundinnen verleihen wir nur zu
gerne den Gold-Award und damit die uneingeschränkte Empfehlung
der Redaktion.

Verfasser: Klaus Doblmann, 29.11.2007
Ein herzliches Dankeschön an Polyfilm für die Bereitstellung des Screeners

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