
Bobby
Regie: Emilio Estevez
Darsteller: Laurence Fishburne, Heather Graham, Anthony Hopkins,
Helen Hunt, Lindsay Lohan, William H. Macy, Demi Moore, Elijah Wood, Sharon
Stone, Joshua Jackson, David Krumholtz, Martin Sheen, Christian Slater, Mary
Elizabeth Winstead, Harry Belafonte...
Drehbuch: Emilio Estevez
Produzent: Edward Bass, Michel Litvak, Holly Wiersma
Musik: Mark Isham
Länge: 120 min.
Freigabe: -
Genre: Drama
Produktion: USA - 2006
Kinostart: AT: 9.03.07
Verleih: Filmladen
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Es ist der Tag der Präsidentschaftsvorwahlen in Kalifornien, der 4. Juni des
Jahres 1968. Und es sieht ganz so aus, als würde Senator Robert F. Kennedy für
die Demokraten das Rennen machen. In den altehrwürdigen Gemäuern des Ambassador
Hotels bereitet man sich schon auf die Siegesfeier am Abend vor, es wimmelt nur
so von Gästen, Schaulustigen und Personal.
Manager Paul Ebbers (William H. Macy) steht nicht nur im Mittelpunkt all dieser
Vorbereitungen, er kümmert sich auch darum, dass in der Küche alles läuft. Dort
schieben die hauptsächlich Schwarzen und Latinos Doppelschichten und müssen sich
zudem von ihrem Chef Timmons (Christian Slater) herumkommandieren lassen. In der
Küche selbst kommt es immer wieder zu Konflikten zwischen Latinos und Schwarzen
- einen Akt der Versöhnung bieten Chefkoch Edward (Laurence Fishburne) und
Arbeiter Jose (Freddy Rodriguez). John Casey (Anthony Hopkins), der vor kurzem
pensionierte Portier des Hotels, hat keinerlei Sorgen dieser Art mehr, er
verbringt seine Zeit am liebsten bei einer Partie Schach mit seinem Freund
Nelson (Harry Belafonte). Die jungen Kennedy-Volunteers Jimmy (Brian Geraghty)
und Cooper (Shia Lebouf) wären zwar ebenfalls im Wahlkampfstress um für Senator
Kennedy die entsprechende Werbung zu machen, flirten aber lieber mit Kellnerin
Susan (Mary Elizabeth Winstead) oder erleben bei einem Hippie (Ashton Kutcher),
der ebenfalls im Hotel weilt, den Trip ihres Lebens. Paul ist zwar offiziell mit
Miriam (Sharon Stone), der Chefin des hoteleigenen Friseursalons liiert,
unterhält aber seit geraumer Zeit ein Verhältnis mit der ihr nicht unähnlichen
Telefonistin Angela (Heather Graham). Die junge tschechoslowakische Journalistin
Lenka (Svetlana Metkina) lässt indessen nichts unversucht, um ein Interview mit
Kennedy zu bekommen, was ihr aber der verantwortliche Volunteer Wade (Joshua
Jackson) besonders schwer macht. Die junge Diane (Lindsay Lohan) kommt in den
Friseursalon des Hotels, um sich für ihre Hochzeit mit William (Elijah Wood)
stylen zu lassen - sie heiratet ihn nur, um ihn vor der Hölle des Vietnamkrieges
zu retten. Sängerin Virginia Fallon (Demi Moore) hat an ebendiesem Abend ihr
letztes Engagement im Hotel, demütigt ihren Ehegatten Tim (Emilio Estevez) und
ertrinkt ihre eigenen Sorgen im Alkohol. Das Ehepaar Jack (Martin Sheen) und
Samantha (Helen Hunt) Stevens hat ebenfalls im Hotel eingecheckt. Zunächst hat
Samantha nur die falschen Schuhe eingepackt, doch die Probleme, mit denen sich
beide konfrontiert sehen, gehen viel mehr in die Tiefe ...
Am Abend ist es so weit - Bobby Kennedy kommt im Hotel an, um sich auf seine
Siegesfeier vorzubereiten. Die vielen einzelnen Geschichten verdichten sich
zusehends um schließlich um exakt 0:15 Uhr vereint zu werden. Denn um 0:15 Uhr
fallen Schüsse in der Küche des Hotels und ganz Amerika hält den Atem an...
Emilio Estevez ist mit "Bobby" ein Coup sondergleichen gelungen. Vom ersten
Moment an zieht der Film in seinen Bann und durch die gekonnt ineinander
verwobenen Einzelgeschichten, die wie in einem Robert Altman Film a la
"Pret-à-Portêr" nur lose miteinander verknüpft sind, wird ein unglaubliches
Gefühl der Authentizität erzeugt. Charakteristisch für den Film sind die vielen
Archivaufnahmen von Bobby Kennedy, seinen Reisen oder seinen Reden, die ihn
präsent machen, obwohl er in der eigentlichen Filmhandlung nur kurz vorkommt und
selbst da nie wirklich gezeigt wird (entweder von hinten, oder nur kurz
angeschnitten). Die Message des Films ist klar und deutlich und zeigt vor allem,
wie wenig sich Amerika gesellschaftlich verändert hat. Was vor 40 Jahren der
Vietnamkrieg war, ist heute der Irakkrieg. Die Gewalt auf den Straßen hat auch
weiterhin nicht abgenommen, "Rassenprobleme" gibt es heute mehr denn je. Robert
F. Kennedy war ein Politiker, der sich all dieser Probleme seines Landes bewusst
war, sie ändern wollte und dafür mit dem Leben bezahlt hat.
Sofort fällt einem beim Betrachten der Besetzungsliste das riesengroße
Staraufgebot auf, das Estevez für seinen Ensemblefilm gewinnen konnte. Auch hier
hat er scheinbar von Altmeister Altman gelernt - es gibt keine wirklichen
Hauptpersonen oder Hauptgeschichten (man könnte lediglich die Rolle des Managers
als etwas präsenter als die restlichen bezeichnen) - jeder verfolgt individuelle
Interessen, die Menschenmenge ist lediglich aus "Zufall" zur gleichen Zeit am
gleichen Ort. Dadurch, dass die einzelnen Geschichten auch untereinander stark
variieren - einige sind von einer großen "inneren" Dramatik gezeichnet, wie
beispielsweise die Geschichte um Sängerin Virginia Fallon oder um das Ehepaar
Stevens - andere wiederum sind amüsant, wie die Geschichte der beiden Volunteers
Jimmy und Cooper, die ihre ersten Drogenerfahrungen machen - wieder andere
fangen Probleme dieser Zeit ein, wie die Geschichte um Diane, die ihren William
zunächst aus reiner Nächstenliebe heiraten will, sich dann aber doch in ihn
verliebt, oder die tschechische Journalistin, die, da sie aus einem zunächst
kommunistischem, dann sozialistischem Land stammt, kein Interview bekommt - und
ganz andere passieren einfach, ohne etwas zur eigentlichen Geschichte
beizutragen, wie die Geschichte um den pensionierten Portier. Estevez, der auch
das Drehbuch geschrieben hat, erzeugt so ein Höchstmaß an Dynamik und Sympathien
bzw. Antipathien beim Zuschauer. Dass einem nämlich nicht jede dieser
Kurzgeschichten gefällt, sollte auch klar sein.
In den letzten 20 Minuten des knapp zweistündigen Films werden alle diese
Personen auf tragische Art und Weise miteinander vereint und man kann diese
Zeitspanne durchaus als eine der großartigsten Tour-de-Forces des
zeitgenössischen Kinos bezeichnen. Die Kraft der Bilder und Musik, die Art der
Kameraführung und des Schnitts, die vorher aufgebauten parasozialen Bindungen zu
den einzelnen Charakteren lassen den Zuschauer ganz tief in den Kinosessel
sinken. "Bobby" ist ein absolut beeindruckendes, stilistisch akkurates und
höchst brisantes Meisterwerk, das für alle Cineasten einen absoluten
Pflichtbesuch darstellt. Das erste anspruchsvolle, sowie auch leicht
konsumierbare Meisterwerk dieses Jahres steht uns mit diesem Film bevor!
Gesamtwertung:
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Verfasser: Florian Widegger, 14.02.2007
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